Das Ende einer Leidenschaft

021

Nun konnten Mitglieder und Fangemeinde des Spandauer SV doch noch die 120 Jahre des Bestehens feiern, gerade noch.

Warum konnte es nicht weitergehen ? Wo lagen die Wurzeln des Niedergangs des Spandauer Traditionsvereins ?

Man müsste ganz weit ausholen und feststellen, dass Amateurfussball heute nicht mehr wie von den 20er bis 50er Jahren des letzten Jahrhunderts ein Proletariersport, Massensport mehr ist, sondern ein Sponsorensport.

Innerstädtische Vereine verloren schon seit langem an Bedeutung. Die Musik spielt da, wo das Geld hingezogen ist, am Stadtrand, in den Vororten. Noch bis in die 50er oder 60er Jahre hinein konnte sich der SSV noch über die Zuschauerzahlen finanzieren. Dann kam die Bundesliga, der Fernsehfussball …

Der Besucherschnitt sank von etwa 4.000 bis auf 400 in der Regionalliga der 70er Jahre (selbst dies eine Zahl, mit der man heute sponsorenfrei leben könnte). Als die 2. Bundesliga kam, war der Verein in der zweiten Saison mit dabei, ohne viel Erfolg, aber doch mit einem Schnitt von 2.500 Zuschauern. Die damals für Sport zuständige SPD-Senatorin Ilse Reichel verweigerte dem SSV damals Zuschüsse zu den Reisekosten ins Bundesgebiet, sie fand, sie würde bereits für Hertha-BSC, Tennis-Borussia und Wacker 04  genügend Geld für Profivereine ausgeben …

Der SSV stieg mit einem ziemlichen Loch in der Kasse ab, wäre aber ein Jahr später nach einer starken Aufstiegsrunde (1977) beinahe wieder in der 2. Bundesliga gelandet. Danach ging erstmals im Verein das Geld aus, man war nur noch Mittelmaß. 1985 stieg dann der Bauunternehmer Fred Lange beim SSV ein, der holte seinen Kumpel Pepi Schlesiona als Manager dazu und es gab eine Periode von über zehn erfolgreichen Jahren beim Spandauer SV (Berliner Oberliga, NOFV-Oberliga Nord, NOFV-Regionalliga). In dieser Zeit bildete sich beim SSV eine Fankultur, trotz bescheidener Zuschauerzahlen eine Kiezverein-Atmosphäre.

Schals, Fahnen, Gesänge, Bengalos – sowas gab es in den Jahrzehnten davor in Spandau nicht.

1998 ging auch Fred Lange finanziell die Puste aus. Der SSV musste sich trotz des errungenen Klassenerhalts aus der Regionalliga in die Berliner Verbandsliga zurückziehen und landete alsbald in der Landesliga.

In dieser Zeit wurden wohl die Weichen für den Niedergang gestellt. Über 15 Jahre hatte Vereinschef und Hauptsponsor Lange alles allein bezahlt und allein entschieden. Unter Lange konnten und brauchten die Mitglieder sich nicht selbst um den Verein zu kümmern. Unklar ist, ob damals bereits die schlampige Mitgliedsbuchhaltung im Verein entstand, oder erst später. Der Finanzetat war ja durch den Sponsor gesichert, wer wollte da unbedingt säumigen Zahlern hinterherlaufen ?

Der Hauptsündenfall: Das System Lange erforderte auch lange Zeit keinen Sponsorenpool, obwohl es so einen bereits um 1970 beim SSV gegeben hatte. Mehr Sponsoren hätte auch mehr Mitsprache für andere bedeutet und das war nicht nach Langes Geschmack. 1985 wollte wohl neben Lange noch ein weiterer Großsponsor beim SSV einsteigen, die beiden kannten sich noch aus ihren Zeiten beim SCC. Aber dazu kam es nicht: Lange wollte sein Hobby SSV für sich allein.

Nachdem Langes Versuch, den SSV mit dem SBC 06 zu fusionieren, 2003 scheiterte, griff der Boss noch einmal tief in die Tasche und pushte den Verein bis 2007 von der Landesliga bis in die Oberliga, um dann aber seinen SSV, kurz nach Beginn der damaligen Oberligasaison, kurzerhand zu verstoßen. Der Boss stieg aus.

Der Grund soll damals gewesen sein, dass die Vereinsmitglieder trotz eines schwachen Saisonstarts am Aufstiegstrainer Oliver Kieback festhielten, während Lange ihn ablösen wollte.

Zu jener Zeit bekam der Verein auch den Gebäudetrakt Geschäftsstelle/Casino (eine Hinterlassenschaft aus der Besatzungszeit) ans Bein gebunden, dessen Mietkosten vermutlich stark überhöht waren, zumal das Casino sich bald als baufällig herausstellte und kaum zu verpachten war. Der damalige Bezirksstadtrat wollte das Gebäude Lange und dem SSV sogar verkaufen und war der Meinung, das Casino würde sich noch als “Goldgrube” für den SSV erweisen.

Die Nachfolger von “Boss” Lange mussten nun nach eigener Auskunft die Oberliga-Saison mit einem “Bezirksligaetat” bestreiten, wohl hauptsächlich auf dem Fernsehgeld von 13.000 EUR basierend. Trotz Klassenerhalts in der Oberliga wurde man bei der Sponsorensuche nicht fündig. Wäre hier nicht bereits der Umzug in eine billigere Geschäftsstelle zwingend notwendig gewesen ?

Dann kam Ratko Hodak zum SSV, in der Funktion des Managers. Die FuWo hatte ihn bereits als “Retter des SSV” angekündigt. Hodak, den man wohl ohne Umschweife als klinischen Psychopathen bezeichnen kann, hinterliess beim SSV eine Schneise der Verwüstung. Vom amtierenden Vorstand nach wenigen Monaten gefeuert, soll er bei seinem Abgang Teile der Casinoeinrichtung mitgenommen haben.

Völlig überraschend gelang es ihm, sich im Frühjahr 2008 zum Vorsitzenden des SSV wählen zu lassen, was bestimmt jeder einzelne seiner Wähler bald bereut haben dürfte. Sein Versprechen, den Verein demnächst wieder in die Regionalliga zu führen, war nicht das einzige, das er nicht hielt. Als sich im Verlauf der Saison keine Sponsoren fanden, brach die Mannschaft auseinander.

Ganz schlimm wurde es dann 2009/10 in der Berlin-Liga. Nicht nur, dass der SSV sportlich keine Chance mehr hatte, in der Rückrunde wurde der Verein vom BFV vorübergehend gesperrt, weil Hodak Beiträge an den Verband nicht oder nicht pünktlich einzahlte. Dann brachte Hodak Termine für die Spielansetzungen durcheinander, wodurch die 1. Mannschaft nicht antreten konnte. Mal trat sie an, mal nicht. Das brachte die gesamte Liga gegen die Rot-Weissen auf, man flehte der BFV an, den Spandauer SV zumindest aus Berlin-Liga, oder sogar aus dem Verband zu werfen.

Der SSV überlebte das Ende um Haaresbreite, als 2010 ein neuer Vorstand unter Günter Vogt gewählt wurde. Der ging seine Aufgabe mit viel Idealismus und Leidenschaft an, wurde aber von seinen Mitstreitern, einem Vize, der sich kaum blicken liess und einem Manager, der im Verein nicht viel managte, im Stich gelassen. Als der SSV im Winter 2010/11 dem zweiten Abstieg in Reihenfolge ins Auge sah, setzte Günter Vogt alles auf eine Karte, holte Murat Tik als Trainer an die Neuendorfer Str. und mit ihm ein Sortiment aus Berlin-, Oberliga- und Regionalligaspielern. Als der Klassenerhalt trotz Spitzenleistungen um ein Haar verpasst wurde, legte Vogt finanziell noch einmal nach und verstärkte das mittlerweile in der Bezirksliga spielende Team weiter, womit die Rückkehr in die Landesliga gesichert werden konnte.

Für die Saison 2012/13 bauten Vogt und Tik noch einmal ein Team zusammen, das gut und gerne Oberliga-Niveau hatte und in der Hinrunde Hoffnungen auf eine Rückkehr in die Berlin-Liga nährte. Trotz beständig guter Leistungen in den Jahren 2011 bis 2012 fanden sich allerdings keine nennenswerten Geldgeber, die den wiedererstarkten SSV hätten unterstützen können. So trat in der Winterpause das Unvermeidliche ein: Günter Vogt musste finanziell die Segel streichen und die Scheinblüte des Spandauer SV war wieder vorbei.

Edit: Günter Schulz in Günter Vogt geändert (mit der Bitte um Entschuldigung)

(2. Teil folgt)

4 comments for “Das Ende einer Leidenschaft

  1. susi
    17. Januar 2015 at 22:59

    gibt es ein Leben nach dem SSV ?

  2. Klaus Brause
    3. Februar 2015 at 18:36

    Wann gibts denn den zweiten Teil?

  3. uwe kroll
    23. April 2015 at 13:21

    Liebe Fußballfreunde aus Spandau, es wäre schön, wenn es in irgendeiner Form noch eine Zukunft für Euren Verein gibt.
    Wer schreibt Euch das? Ich bin Ruhrpottler und bekennender Hertha BSC Fan. Somit bin ich öfters in der Stadt und hatte immer mal vor ein Spiel des Spandauer SV zu besuchen.
    Und warum als Herthaner Interesse an Spandau??? Hertha ist eine Geschichte, meine ersteLiebe istt seit Kindestagen die Westfalia aus Herne. Die älteren von Euch werden sich sicherlich an den gemeinsamen Aufstieg in die zweite Bundesliga im Jahre 1975 erinnern. Ich habe noch vor Ort den Spandauer SV in Herne erlebt. Für Euch war das Thema 2. Liga ja leider nach einiger Zeit erledigt, für uns vier Jahre später.
    Und hier sind die Tendenzen gleich. Die Westfalia wurde im Laufe der Jahre, bis auf kleine Ausnahmen, sportlich durchgereicht. Nachdem gestern das Spiel gegen ASC Dortmund verloren wurde, steht dem Abstieg in die Westfalenliga leider nichts mehr im Weg. Und auch die Geschichte wird so enden wie bei Euch in Spandau. Im Augenblick habe ich das höchst zweifelhafte Vergnügen die Westfalia in ihrem Todeskampf zu begleiten. Traurig, aber wahr.
    Was bleibt, sind die Erinerungen an ein kleines gemeinsames Stück Fußballgeschichte, die ich perönlich niemals vergessen werde.
    Glück auf Ihr Spanaduer!!!

  4. dirk
    29. Januar 2016 at 16:28

    Liebe Spandauer,

    wie mein Vorredner verbinde auch ich mit dem SSV die Erinnerung an die schönste Zeit als Fan von Westfalia Herne.
    In Berlin war ich öfters bei Fussballspielen im Mommse, da ich auch TB – Fan war / bin.
    Schade das nach Wacker 04 nun auch der Spandauer SV verschwunden ist, ich wäre auch gern einmal bei einem Heimspiel des SSV dabei gewesen, jetzt ist es zu spät.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *